Mein Name ist Kathy und ich bin Alkoholiker

Diesen Satz sagen wir immer bevor wir teilen. Am Anfang fand ich das sehr merkwürdig. Wir waren doch bei AA und jeder wusste was er ist. Warum also dieses ritualisierte „Hallo“? Heute ist es sehr, sehr wichtig für mich. Zu meiner Krankheit gehört dazu, dass ich vergesse. Ich vergesse was ich angerichtet habe, wenn ich trinke. Ich vergesse das Gefühl mein Leben nicht mehr im Griff zu haben: die Verzweiflung, das Drama, die Enttäuschung. Es wird wieder eine gute Idee zu trinken. Plötzlich habe ich keinerlei Abwehrmechanismen für das erste Glas. Indem ich also immer wieder ausspreche „Ich bin Kathy – ich bin Alkoholiker“ hole ich mir zurück, was der Konsum für mich bedeutet hat. 

Ich möchte gar nicht so viel davon erzählen, wie meine aktive Zeit war. Lange Zeit hat das Trinken für mich dazu beigetragen Teil der Welt zu sein. Es war Spaß. Dann kamen Probleme. Erst wenige, dann mehr. Bis es irgendwann nur noch Probleme gab. Ich konnte nicht nicht trinken – aber ich konnte auch nicht weiter trinken. Ein schrecklicher Ort – jeder, der dieses Gefühl kennt, weiß wovon ich spreche. All meine Willenskraft reichte nicht aus, um endlich aufzuhören. Ich kannte die Folgen, ich wusste um die enttäuschten Blicke, die Katastrophen, die ich anderen antat und trotzdem konnte ich es nicht lassen. Erst später habe ich gelernt, dass ich eine Krankheit habe. Nicht ich bin der Fehler, sondern es ist eine Krankheit. Diese Erkenntnis war eine große Erlösung für mich. 

Mein erster Schritt in die Meetings war der härteste Schritt meines Lebens. Da saß ich nun – jetzt war es nicht mehr zu leugnen, dass ich ein Problem hatte. Da waren so viele Menschen, jeder schüttelte meine Hand, sprach mit mir, hieß mich willkommen. Dabei war ich doch fast nicht mehr in der Lage Menschen zu ertragen. Ich hatte solche Angst. Nicht nur mein eigenes Versagen wurde mir vor Augen geführt. Ich war der festen Überzeugung, dass mein Leben jetzt vorbei sei. Nun wo ich nicht mehr trinken konnte. Mich erwartete nie wieder Spaß und Freude zu haben. Von HD in Grau – so fühlte sich der Weg in die Nüchternheit an. Die Leute, die ich im Meeting traf, hatten offensichtlich Spaß an ihrem Leben. Für mich wirkte das unmöglich. 

Ich sah in jedem Meeting diese 12 Schritte an der Wand hängen. Ein Programm, das nicht durch Lesen wirkt. Es wirkt durch Taten. Für mich waren diese Schritte nichts – es war zu viel von Gott die Rede. Ich haderte lange damit – mir half der bloße Besuch der Meetings nicht dabei nüchtern zu bleiben. Doch obwohl ich immer wieder mit Fahne kam, die Leute waren mir gegenüber nicht abgewandt. Es kam der Punkt, an dem ich richtig verzweifelt war. Ich fragte jemanden, mir durch diese Schritte zu helfen. Das Prinzip einer höheren Macht, von Gott wie ich ihn verstehe, wurde mir zugänglicher. Mein Meister war zu diesem Zeitpunkt ganz klar der Alkohol. Ich hatte also quasi schon eine höhere Macht, allerdings eine, die mich in den Abgrund stürzte. Das Auszutauschen gegen etwas, das ich nicht verstand, war nun nicht mehr so schwer. Ich hatte ja auch gar keine andere Wahl. Mein Trinkerweg war vorgezeichnet und ich sah, dass das was die anderen taten half.

Ich fing an die Schritte zu gehen. Erst ging es ganz viel um das Verständnis für die Krankheit, um Akzeptanz und schließlich um Hoffnung. Ich fing an zu verstehen, dass es nicht darum geht nie wieder zu trinken. Dieses Versprechen kann ich nicht halten. Aber heute ist möglich. Nur für heute kann ich mich dagegen entscheiden. Kann versuchen hilfreich zu sein und keinem anderen zu schaden. Heute war und ist eine Zeitspanne, mit der ich umgehen kann. Ein alter AAler erzählte mir mal folgendes Sprichwort: Wenn du einen Fuß im Gestern hast und einen im Morgen kannst du nur auf heute scheißen. Das blieb hängen. 

Alkohol ist eine Rückfallkrankheit. Nicht jeder hat Rückfälle – ich schon und das ist auch nicht schlimm. Meine Krankheit ist chronisch. Ich kann sie nur zum Stillstand bringen. Bei meinem letzten Rückfall fing ich mit einem Gin Tonic an. Ich dachte, ich habs jetzt endgültig gelernt. Die Woche über hatte ich dann gar nicht getrunken und war wirklich der Meinung, dass ich es im Griff hätte. Das Wochenende darauf fing eigentlich nur mit ein bisschen Gin an, gefolgt von Tequila, gefolgt von Korn und dazu dann noch Drogen. Ich konnte die Menge überhaupt nicht kontrollieren und verfiel dem totalen Rausch. Tatsächlich wachte ich erst einige Tage später wieder daraus auf. Hätte es wenigstens Spaß gemacht, aber es war die totale Katastrophe. Körperlich war ich total high, aber mein Kopf blieb klar. Dieses positive beschwingte Gefühl von richtig sein, wollte sich einfach nicht einstellen.  Ich hatte großes Glück und habe überlebt und in die Meetings zurückgefunden. Ich weiß, wenn ich das anwende, was ich in AA gelernt habe, muss ich nicht mehr trinken. Allerdings muss ich es täglich machen.

Über die Jahre habe ich viele Menschen zu uns kommen gesehen. Es ist immer das gleiche: sobald sie anfangen die Schritte zu gehen, wird ihr Leben besser und sie bekommen dieses Leuchten in den Augen. Bei mir muss es damals ähnlich ausgesehen haben, nur konnte ich das zu diesem Zeitpunkt nicht wahrnehmen. Nach all der Zeit bin ich immer noch in Sponsorschaft. Die Arbeit mit einem Sponsor, bzw. die Arbeit an meinem spirituellen Leben ist mein Sicherheitsnetz, dass mich vor der Sucht schützt. Genauso wichtig ist es für mich, das weiterzugeben, was ich gelernt habe. Wenn ich nicht immer wieder sehe wie das Programm funktioniert fange ich an nachlässig zu werden und Nachlässigkeit führt zu meinem nächsten Rückfall.  

Was soll ich noch sagen? Mein Leben ist heute besser als zu meinen schönsten Trinkerzeiten. Ich habe einen Job, eine Familie und ein Leben. Es läuft nicht immer alles rund, aber ich schaffe es nun auch mit schwierigen Situationen umzugehen. Ich fühle mich nicht mehr falsch in der Welt. Damit hätte ich niemals mehr gerechnet – das ist ein Wunder. Wenn dieses Wunder bei mir geschehen kann, bin ich sicher, dass das auch für jeden anderen möglich ist. Es braucht nur Ehrlichkeit, Offenheit und Bereitschaft.

Kathy